Wachsende Stadt

Siemersplatz-Inferno ist überall

Was wir mit der sogenannten Nachverdichtung in Hamburg gegenwärtig erleben, ist ein wahrhaft "historischer" Moment - ein großer Ausverkauf der historisch gewachsenen, der in der Vergangenheit entstandenen traditionellen Bausubstanz, der - trotz zahlreicher Abrisse schon vorher - Hamburg bisher prägte: Ein Stil, den es nur in Hamburg gibt. Von Manfred Bonson.

Durch Abriss und Deformierung des Bestehenden wird das charakteristische Stadtbild Hamburgs so weit verändert, dass man von Zerstörung sprechen kann, auch wenn sie sich nur schrittweise vollzieht - aber es sind große und schnelle und viele Schritte: Man kann sie überall in Hamburg sehen, auch in Lokstedt!

Es ist erstaunlich, wie wenig Respekt die in Hamburg Regierenden haben: Respekt vor der Kultur, der architektonischen Kultur und Ästhetik, Respekt vor ihrer Geschichte, Respekt vor dem Volk. Oder nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das einzige, was für sie zählt, das Geld ist, der finanzielle Wert, die sogenannte Wirtschaftskraft - oder wie die Modeslogans einer ökonomistischen Ideologie auch immer heißen. Was die Bomben nicht fertigbrachten, das schafft das Geld, das "große Geld"!

Das Erstaunliche bei diesem Thema ist auch, dass scheinbar gesicherte Wahrheiten der 70er, ja schon der 50er Jahre, plötzlich nicht mehr gelten, ohne jede Diskussion verschwinden. Es wurde schon in den 50er Jahren die "grüne Lunge" propagiert: Man war stolz darauf, dass Hamburg so viel Grün hatte, ein Vorzug gegenüber vielen anderen Großstädten! Und man argumentierte, dass das Grün (Bäume usw.) viel Kohlendioxid schluckte.

Das wusste man schon, bevor man etwas vom Klimawandel ahnte. Aber man kannte die schädliche Wirkung der Autoabgase (und der Industrie- und der
Kohleheizungsemissionen). Später, in den 70er Jahren entstand ein besonders starkes Umweltbewusstsein, das den Wert auch des städtischen Grüns nochmals und noch mehr betonte.

Wir brauchen mehr Wohnungen!

All dies erscheint nun wie weggewischt, ohne jede Diskussion - obwohl es doch Selbstverständlichkeiten geworden zu sein schienen, Erkenntnisse, die jetzt, nachdem man den Klimawandel erkannt hat, noch wichtiger geworden sein müssten.

Aber ein einfacher Satz schlägt scheinbar alles - alles in den Wind möchte man sagen -, so dass der Staat scheinbar keine Argumente mehr benötigt: "Wir brauchen mehr Wohnungen!". Grün - das ist der Schnee von gestern - nostalgische Romantik angesichts von Sachzwängen.

Diese Einmaleins-Logik der Technokraten scheint alles beiseite zu wischen.
Nun, wenn ein Arzt, oder hier möchte ich eher sagen, die Pharmaindustrie, ihre Lobbyisten und ihre Agenten in der Politik, ein angebliches Heilmittel propagieren, wird man (oder sollte man wenigstens) folgende Fragen stellen:

  1. Wie wirksam ist es denn überhaupt?
  2. Welche Nebenwirkungen hat es, und wie schwerwiegend sind sie?
  3. Und wenn diese tolle Arznei gar andere Krankheiten hervorruft, wird man sich ihre Anwendung sehr überlegen.

Das Dumme ist nur, dass diese eigentlich notwendige nüchterne Überlegung meist dem Profitstreben der Interessengruppen weicht, statt rationaler Bilanzierung von Vor- und Nachteilen zugunsten des Menschen, zählen nur die Bilanzen der Geschäftemacher - auch für die Politik!

Da auch die Medien keine kritische Öffentlichkeit herstellen, erhebt sich normalerweise kein organisierter Protest, der Druck ausüben könnte.

Wachstum, ein Krebsgeschwür

Unsere Städte leiden an vielen "Krankheiten", nicht nur am Wohnungsmangel (vor allem fehlt es aber an bezahlbaren Wohnungen!). Und wir werden diese Krankheiten nur verschlimmern, oder bestenfalls die eine Krankheit durch die andere ersetzen, wenn wir nicht nach den tieferen Ursachen, nach der Wurzel des Übels fragen.

In diesem Sinne müssen wir weit radikalere Fragen stellen, wenn wir uns nicht mit Scheinlösungen zufrieden geben wollen, mit Symptombehandlungen. Wir müssen Dogmen der Stadtplanung, der Politik, unseres Wirtschaftssystems in Frage stellen, wir müssen alternativ denken, querdenken! Wir müssen unser Wachstum als das enthüllen, was es ist: ein Krebsgeschwür. Es ist für mich ein lächerlicher Schwindel z.B., wenn man jetzt uns mit einem neuen U-Bahnnetz glauben machen will, damit wären irgendwelche Verkehrsprobleme gelöst (irgendwann). Es ist einmal wieder ein Milliardending, das der Bauindustrie gewaltige Gewinne bringt - und den Politikern ein Alibi verschafft.

Es ist bei dem Thema Verdichtung so wie bei fast allen politischen Problemen unserer Gesellschaft: Durchleuchtet man die Politik zu diesem Thema genauer, ist man verblüfft und entsetzt über die offensichtliche Planlosigkeit und Kopflosigkeit der politischen Handlungsträger (Entscheider, um ein anderes Modewort aus Journalismus und Politiksprech zu benutzen).

Man kann gar nicht glauben, dass so wenig an die Wirkungen einer politischen Maßnahme gedacht wird, so wenig sowohl an die - angebliche gewollte - Effektivität einer Maßnahme, wie auch an ihre weiteren Auswirkungen, Nebenwirkungen sozusagen, auf andere Bereiche: Nicht nur, dass der provozierte und geförderte Bauboom die Preise natürlich höher treibt (1), dass er an sich schon den wirklichen Bedarf nicht befriedigt (2), sondern sogar ihn sogar z.T. erst hervorruft und steigert (3). Nein, die Wirkungen auf das Gesamtsystem werden nicht beachtet: Verkehr, Umwelt, Gesundheit etc. Es gibt offensichtlich keinen vernünftigen Gesamtplan, der alle Teilgebiete betrachtet. Vor allem gibt es in Hamburg kein in die Zukunft weisendes Gesamtkonzept, das den Klimawandel und die Grenzen des Wachstums berücksichtigt. Man wurstelt vor sich hin, betreibt Flickschusterei, trifft nur Ad-hoc-Entscheidungen - und verspielt unsere Zukunft.

Ist es Dummheit? Ist es Egoismus? Meiner Überzeugung nach ist es einfach Interessenpolitik. Im Wesentlichen wird nur dem Profitstreben bestimmter Interessengruppen gefolgt. Nicht nur wir leiden, sondern zukünftige Generationen werden das ausbaden.

Hölle, die Siemersplatz heißt

Hamburg ist seit meiner Geburt planmäßig zur autogerechten Stadt ausgebaut worden. Auch wenn in den 70er Jahren eigentlich bei allen, die sich intellektuell mit Stadtplanung auseinandergesetzt haben, ein Umdenken stattfand. Hamburg hat sich immer weggeduckt.

Überall, in Deutschland wie in vielen anderen Ländern, wurde der Autoverkehr aus den Innenstädten genommen, ganz oder zumindest zu großen, wichtigen Teilen - so nicht in Hamburg. Verkehrsberuhigungsmaßnahmen kamen hier erst unglaublich spät - und halbherzig.

An der Hölle, die Siemersplatz heißt, scheint sich niemand in der Politik zu stören. Ein Abgasproblem gibt es in Hamburg anscheinend nicht. Spricht man den grünen Umweltsenator an, sagt er, "Wir müssen erst untersuchen ..."

Zur Entpolitisierung in Hamburg trägt auch eine einschläfernde und ablenkende Presse bei. So findet auch über das Thema Nachverdichtung in den Medien keine Debatte statt, kein Austausch von Pro und Contra wie es doch zu einer echten Demokratie gehörte.

Das Thema Verdichtung, von dem wir auch gerade in Lokstedt so sehr betroffen sind, führt uns mitten in die Kernprobleme unserer heutigen Gesellschaft, unseres heutigen Lebens und unserer gegenwärtigen Welt: Es führt uns zu der Frage nach dem Wachstum, und es führt uns zur Klimakatastrophe, die längst begonnen hat. Es führt uns zur Frage: Wie viel Wachstum wollen wir, und welches Wachstum wollen wir - Und: Wie können wir durch unser Verhalten, durch unsere Politik die Umweltzerstörung aufhalten und den Klimawandel stoppen?

Gewiss nicht durch eine Verdichtung der Stadt, die eine weitere Zupflasterung, Versiegelung der Böden, Vernichtung des Grüns bedeutet - und eine weitere Zunahme des Autoverkehrs!

Wenn ich die Automassen beobachte, die sich alltäglich von der Osterfeldstraße, dem Lokstedter Steindamm, der Vogt-Wells-Straße usw. über den Siemers"platz" wälzen - dann wäre es für mich gewiss kein Trost, wenn das nun irgendwann elektrisch geschähe. Es bedürfte eines Extra-Artikels, das Märchen von der Elektromobilität als Allheilmittel - als Lüge zu entlarven (4).

Die Pfeffersäcke

Die Verdichtung soll die Zersiedlung stoppen? Ein Witz! All die vielen Menschen, Familien, die jetzt aus den teuren Wohnquartieren verdrängt werden, ziehen natürlich ins preiswertere Umland.

Die Verdichtung soll zu billigeren Wohnungen führen, oder zumindest den Preisanstieg bremsen? Nichts dergleichen geschieht, nirgends - stattdessen treibt der Bauboom die Spekulation und die Preise in schwindelerregende Höhen! (1).

Das interessiert die Hamburger Politik nicht - im Gegenteil, sie setzt auf das große Geld! Das war schon immer so, die "Pfeffersäcke" (Heinrich Heine) interessierte nur der schnöde Mammon. Von all den anderen Phrasen, die zur segensreichen Nachverdichtung von den Politikern ausgestoßen werden, braucht man keine zu glauben.

"Wir wollen mehr Wohnungen schaffen“ - Nein, wir wollen die Bauwirtschaft fördern, die Immobilienwirtschaft.

„Wir wollen den Reichtum - den fördern wir“. Hamburg ist eine reiche Stadt,
eine Stadt der Reichen: 44.000 Millionäre. Irgendwo muss es auch Arme geben - zufällig genau so viel (laut Statistik). Aber die brauchen wir nicht.

Hamburg betreibt eine Politik der Selektion. Hamburg will reiche, wohlhabende Steuerzahler haben - die anderen mit geringerem Einkommen schiebt man gerne nach draußen ab, sie kosten ja nur. Selbst wenn sie außerhalb der Stadtgrenzen wohnen, werden sie immer noch in Hamburg
konsumieren.

Familien belasten das Budget

Der liebste Steuerzahler und Konsument ist dem Hamburger Staat der gut verdienende Single, der viel Geld in der Stadt lässt. Familien belasten das Budget: Kitas, Kindergärten und Schulen für die Kinder. Und auch die Frau und Mutter, meist Nebenverdienerin, bringt nicht genug Steuern ein. Warum denn auch für eine kinderfreundliche Umgebung sorgen, wo die Kinder nicht mit dem Auto abgeholt werden müssen, um sie vor dem Autoverkehr zu schützen". (Ich gebe zu: Viele Mütter und manche Väter leisten tapfer Widerstand, und holen selbst in Hamburg ihre Kinder mit dem Fahrrad ab - aber das kostet Nerven in dieser Auto-Stadt!).

G20 und Olympia - Hamburg-Werbung

Hamburg betreibt eine aggressive Stadtwerbung - überall. Vor wenigen Wochen erschien z.B. die Süddeutsche Zeitung mit einer dicken Beilage, in der sich Hamburg als attraktive und wirtschaftsfreundliche Stadt bejubelte (5).

Spektakel wie G20 und Olympia dienen diesem Ziel: Noch mehr Menschen, noch mehr Betriebe, noch mehr - gut bezahlte - Arbeitsplätze, noch mehr
Reichtum.

Es ist ein schwindelerregender Zirkus, ein Tanz um das goldene Kalb, der die Gehirne benebelt, vernebelt. Nüchterner Verstand müsste sagen, dass es so nicht weitergeht. Dass die Stadt nicht weiter wachsen darf. Dass wir nicht (noch) mehr Reichtum brauchen. Dass wir überhaupt kein "Mehr" mehr brauchen. Sondern ein "Weniger"- und eine gerechtere Verteilung des Reichtums.

Wir schaffen uns Probleme, die wir - in Wirklichkeit - nicht mehr bewältigen können. Heilsversprechen, wie Elektromobilität, nützen uns nichts. Es werden jede Menge Scheinlösungen angeboten, um die Gewissen zu beruhigen und sich ein Alibi zu verschaffen:

Bemoosung von Hauswänden (Realsatire), Fahrradwege, Busbeschleunigung usw. Auch ein (noch) besserer öffentlicher Verkehr hilft nicht, wenn der Autoverkehr nicht an sich - durch andere Maßnahmen - reduziert wird.

Seriöse Modelle einer Bekämpfung des Klimawandels schließen immer auch eine Halbierung des gegenwärtigen Autoverkehrs mit ein! (6). Eine Utopie angesichts der Hamburger Politik, die durch völlige Zukunftsblindheit gekennzeichnet ist.

Eine Verdichtung verhindert, wie gesagt, nicht die Zersiedlung: Wir haben dann noch mehr Autoverkehr von innen - und von außen. Wir haben beides! Und ganz gewiss keine erschwinglichen Wohnungen - im Gegenteil. Dafür haben wir aber viel verloren: das Grün und den Rest an Lebensqualität. Man kann so weitermachen und die Probleme hin- und herschieben, die Situation in Wirklichkeit nur noch verschlimmern - und sein eigentliches Prinzip nicht aufgeben: den Profit! Man muss aber, will man die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder nicht zerstören, radikal umdenken, eine konsequent andere Politik verfolgen.

Das bedeutet für Hamburg:

  • Verzicht auf Stadtwerbung,
  • Verzicht auf das Ziel: Wachstum,
  • Einschränkung des Autoverkehrs: Es müsste eine City-Maut eingeführt werden. Das eingenommene Geld kann für einen kostenlosen (!) Nahverkehr und für den Rückbau der Straßen verwendet werden,
  • Fahrverbot für giftige Dieselfahrzeuge,
  • Änderungen des Steuersystems, um dadurch Anreize für umweltfreundliche Mobilität zu zu schaffen (Pendlerpauschale etc.),
  • Reduzierung der Abhängigkeit der Städte von der Gewerbesteuer.

Die Zinspolitik und der Bauboom

Für ein solches Umdenken sind in der Hamburger Politik allerdings nicht einmal Ansätze erkennbar. Deutlich wird auch, dass die Hamburger Politik eingebettet ist in eine bundesdeutsche Politik, die ebenfalls in erster Linie nur partikulare Profitinteressen bedient.

Der gegenwärtige Bauwahnsinn, den man in ganz Deutschland beobachten kann, hat seine speziellen Antriebe in der Niedrigzinspolitik und in der Flucht des Kapitals in die Immobilien aufgrund der Verunsicherung, ausgelöst durch die Finanzkrise - auch wenn schon immer viel gebaut wurde. Wohnungsmangel dient der Politik nur als Alibi, um Umweltgesetze und -Auflagen, die das Baugeschäft behindern, abzuschaffen.

Damit hätten wir einen dritten Faktor, der den Bauboom fördert: Die Beseitigung von Gesetzen und Regeln, die geschaffen wurden, um dem Allgemeinwohl zu dienen! Für diejenigen, denen der Umweltschutz schon immer ein Dorn im Auge war, ist das eine passende Gelegenheit!

Dass es nicht um die Beseitigung von Wohnungsmangel geht, sieht man auch daran, dass alles, wirklich alles überall wie verrückt gebaut wird: Mammutkonzertsäle in der Elbe, Hafencities, Autobahnen, Flughäfen, Tief- und andere Einkaufsbahnhöfe, mit denen die Verkaufszeiten erweitert werden. Oft sinnlose Geldverschwendung - sinnlos aus der Sicht des Steuerzahlers, nicht aber aus der Sicht der Bauwirtschaft und der mit ihr verbundenen Bereiche.

Lokstedt ist sicherlich überall

Nun ist dieser Bauwahnsinn weder auf Deutschland noch auf die heutige Zeit beschränkt. Seitdem ich in der Welt herumreise, erlebe ich, dass überall das Land unter Beton begraben wird: von Sumatra bis Texas. Die Macht des Betons bringt sogar amerikanische Präsidenten hervor.

Und man wird immer 1000 Gründe finden, die Zerstörung zu rechtfertigen. So erklärt man, um die Verdichtung zu verharmlosen, dass z.B. Paris und Bukarest (!) angeblich eine noch größere Dichte aufwiesen: Soll man sich mit solchem Blödsinn noch auseinandersetzen? Ganz davon abgesehen, dass solche Vergleiche immer in die Irre führen, man mit Statistiken alles beweisen kann - sollen wir denn das Gute, was wir (vielleicht) den anderen voraushaben, auch noch verscherbeln?

Wie gesagt, ich erlebe das monströse, krebsgeschwürartige Wachstum der Städte und Siedlungen überall in der Welt: Überall verschwindet Altes, Gutes, Schönes - Wertvolles. Können wir aus den Erfahrungen - von Manhattan bis Mumbay - nicht lernen? Nein, denn es geht nicht um Erkenntnis, es geht - schlicht und einfach - ums Geld!

Im westafrikanischen Gambia

Ein kleiner Nachtrag aus persönlicher Erfahrung zum Punkt Globalisierung der Zerstörung:

Sobald man in eines der vermeintlich letzten Paradiese flüchtet, erlebt man, dass es ebenfalls verschwindet. Im westafrikanischen Gambia, in der kleinen Ortschaft Gunjur, in Strandnähe, genoss ich immer die menschlichen Gespräche auf dem kleinen Markt im Zentrum, mit dem Fula-Schneider, dem Mandinka-Schuster, dem Wolof-Geschäftsrnann. Nach Jahren suchte ich diese gemütliche Stätte und meine alten Bekannten - nichts war wiederzufinden: Es gab nur noch einen Parkplatz und vor allem eine große Straßenkreuzung, wo vorher vermutlich der Markt und wo der
Lebensmittelpunkt des Ortes gewesen war. Man hatte dem Ort die Seele genommen.

Kommt Ihnen das bekannt vor, liebe Lokstedter? Denken Sie an den Siemersplatz? An den Siemersplatz, wo mein Großvater, wenn ich mit ihm Einkaufen ging, mehr Zeit im Gespräch mit Bekannten und Freunden verbrachte als mit dem Einkaufen.

Versuchen Sie das heute mal an so einem innerstädtischen Autobahnkreuz! - interessant ist auch, wofür die Straßen in und um das garnbische Gunjur gebaut wurden: Für eine chinesische Fischmehlfabrik, die das Wasser und den Strand und das Umland völlig verseucht und vergiftet, den einheimischen Fischern den Erwerb und der Dorfbevölkerung die Nahrungsgrundlage genommen hat (Das Fischmehl wird nach China exportiert, weil das Chinesische Meer längst leergefischt ist).

Danach flüchtete ich weiter in das etwa eine halbe Stunde entfernte idyllische Dorf Sifoe, wo ich einige Jahre lang schöne ruhige Zeiten in der am Waldrand gelegenen Hütte einer Dyola-Familie verbrachte - bis auch dort plötzlich der Autoverkehr entstand: Ein Syrer hatte ganz in der Nähe den Busch gerodet und seine Apfelsinenplantagen für den Export angelegt. Und selbst dort, am Ende der Welt stiegen die Bodenpreise nun in Höhen, die für die Einheimischen nicht mehr bezahlbar waren (7).

Was wir also in Hamburg, in Lokstedt erleben, ist ein globales Phänomen. Das Siemersplatz-Inferno ist überall. Man kann nur davon träumen, dass es wieder ein Platz wird, ein echter Platz, auf dem die Menschen sich treffen - und nicht die Autos.

Auch Lokstedt hat man - verzeihen Sie mir die Pathetik - das Herz herausgerissen. Die gegenwärtige Politik der sogenannten Nachverdichtung zeigt, dass es alles nur noch schlimmer kommen soll.

Nachwort

Bei der Propagierung von Verdichtung als angebliche Problemlösung erlebt man denselben Argumentationstrick wie bei fast allen anderen politischen Themen. Man bekommt Scheinlösungen für selbst geschaffene Probleme angeboten. Dabei wird ein einziger Aspekt aus einem Gesamtsystem herausgegriffen - und von einer Pseudo-Lösung wird alles Heil erwartet.

Die Politik propagiert eine bestimmte Maßnahme - in diesem Fall Verdichtung - untersucht aber nicht, welche Folgen diese Maßnahme hat. Es gibt keine wissenschaftlich seriöse, gründliche Analyse, die das Problem - in diesem Fall: Wohnungsbedarf - durchleuchtet und in seinen Zusammenhang stellt. Das Ergebnis ist, dass bei einer solchen Politik dann natürlich etwas ganz anderes herauskommt als versprochen.

Das Thema Verdichtung kann nicht beleuchtet werden, ohne dass man genau betrachtet:

  • die Vernichtung von städtischen Frei- und Grünräumen,
  • die erwünschte Verkehrsentwicklung,
  • die gewollte Bevölkerungsentwicklung,
  • die Abgas- und Gesundheitsproblematik, die Verminderung der Luftzirkulation,
  • die fortschreitende Betonierung und Zupflasterung unseres Lebensraumes,
  • die gesamte Umweltzerstörung, die Vernichtung der Natur, der Artenvielfalt,
  • den Energie- und Ressourcenverbrauch der masslosen Bautätigkeit (z.B. Statt Abriss Sanierung, wo nötig und möglich),
  • und mit all dem zusammenhängend: den Klimawandel.

Eine einzelne, so folgenschwere Maßnahme wie die noch stärkere Verdichtung der Stadt, muss innerhalb des Gesamtsystems Stadt betrachtet und diskutiert werden, im Zusammenhang mit einem umfassenden Konzept der Stadtentwicklung! Eine solche Diskussion gibt es aber nicht!

Und eine Gesamtkonzeption für eine durchdachte, vernünftige Stadtplanung kann ich in Hamburg ebenfalls nicht erkennen. Eine vorausschauende Stadtplanung müsste bisherige Ideologien in Frage stellen und von ganz anderen Zielen ausgehen: Vor allem müsste sie ein zentrales Dogma unserer Gesamtgesellschaft aufgeben: das Wachstum.

Stattdessen werden - wie bei vielen politischen Fragen - wie gesagt nur Scheinlösungen für selbstgeschaffene Probleme angeboten, und - was noch schlimmer ist - wie im Falle der Nachverdichtung auch durchgeführt.

Man bewegt sich im Kreise, in einem Teufelskreis. Ein anderes Beispiel für diesen verhängnisvollen Zirkelschluss ist die Energiepolitik, wo man wider alle Vernunft auf die Atomkraft setzte, um ein Energieproblem zu lösen, das man durch einen übermäßigen Energiekonsum in unserer Verschwendungswirtschaft selbst erzeugt hatte.

Ein weiteres Beispiel ist die Verkehrspolitik, die hemmungslos das Auto förderte und fördert, und damit nur Probleme erzeugt, die prinzipiell nicht gelöst, sondern höchstens verlagert werden können!

Die Möglichkeit einer Vernunftentscheidung, die das Wachstumsdogma, das hinter all diesen Problemen steht, aufgibt, sehe ich aber nicht, wenn es nur um Profit geht. So hätte ich mir all meine Argumente eigentlich sparen - und die einfache Volksweisheit verkünden können: „Geld regiert die Welt!"

Keine der Parteien widerspricht heute wirklich dem Wachstumswahn - auch die Grünen nicht. Es wäre also gegenwärtig - wie in den 70er Jahren - wieder die Notwendigkeit für eine Außerparlamentarische Opposition da. Ich sehe allerdings keine Anzeichen dafür - nur eine allgemeine, saturierte, Resignation.

Anmerkungen

1. Die jüngsten Zahlen beweisen, dass sich die Steigerungsrate der Immobilienpreise durch die Verdichtungspolitik sogar noch verstärkt hat. Z.B. sind Eigentumswohnungen im Zeitraum von Juli 2016 bis Juni 2017 im deutschen Durchschnitt um gut 6,5 Prozent teurer geworden. Im Jahr zuvor
gab es ein Plus von sechs Prozent. Bei Einfamilienhäusern: 5,4 %, im Vorjahr 4,3%. (FR 5.9.17, nach DPA: Berechnungen des Immobilienverbandes IVD).

2. Es werden im starken Maße vor allem erschwingliche Wohnungen / Häuser gesucht.

3. Es ist eine längst allgemein anerkannte Erkenntnis, dass z.B. Straßenbau den Verkehr sogar anzieht und damit steigert - der Bedarf kann grundsätzlich niemals befriedigt werden. Einen Analogieschluss muss man letztlich leider auch beim Wohnungsbau in Städten wie Hamburg ziehen, jedenfalls so wie er betrieben wird: Er macht Städte im gewissen Sinne noch attraktiver, zieht bestimmte Bevölkerungs-, Einkommensgruppen natürlich an. Daniel Fuhrhop plädiert in seinem Buch (Verbietet das Bauen) sogar für einen bewussten Verzicht auf eine Stadtpolitik, die die Magnetwirkung der Metropolen noch verstärkt. Unpopulär, vielleicht - aber notwendig!

4. In jüngster Zeit erscheinen immer mehr kritische Studien, die die negativen Seiten der Elektromobilität zeigen, so dass von ihren angeblichen Vorteilen eigentlich nichts mehr übrig bleibt. Siehe auch: FR 5.9.17, Leserforum. Die vage Aussicht auf einen batteriegetriebenen Autoverkehr in irgendeiner Zukunft erweist sich als Mittel, um am gegenwärtigen Zustand nichts
Grundsätzliches zu ändern, verkehrsbeschränkende Maßnahmen zu verhindern, die uns hier und jetzt nützen würden!

5. Hamburg erleben, PR-Beilage Süddeutsche Zeitung 07.09.2017

6. So z.B. Prof. Helmut Holzapfel, Zentrum für Mobilitätskultur, Kassel, im Interview mit der FR 19.9.2017: "Ein angenehmes Leben mit weniger Autos ist möglich", und Prof. Uwe Schneidewind, Wuppertal Institut für Klima, Energie, Umwelt, in "E-Fahrzeuge allein retten das Klima nicht“, FR 12.9.2017.

7. Zur Globalisierung unserer zerstörerischen Wirtschaftsweise: Die Bücher des Genfer Soziologen Jean Ziegler.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung

Literatur

Bücher:

Verbietet das Bauen!, Daniel Fuhrhop, München 2015 (2. Auflage) - (Unkonventionelles Essay eines Querdenkers).

Stress and the City, Mazda Adli, München 2017

Luxusgut Wohnen, Michael Voigtländer, Wiesbaden 2017 (M. Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft, vertritt den Pro-Verdichtungs-Standpunkt, liefert aber Informationen und Differenzierungen).

Totalschaden, Klaus Gietinger, Frankfurt 2010

Zeitungsartikel:

Ein angenehmes Leben mit weniger Autos ist möglich, Frankfurter Rundschau 19.09.2017

Die Zukunft unserer Mobilität, Leserforum, FR 15.09.2017

E-Fahrzeuge allein retten das Klima nicht, FR 12.09.2017

Wohnen spielt im Wahlkampf keine Rolle, FR 4.09.2017

Ungebrochene Nachfrage, Welt am Sonntag 12.03.2017

Steigende Zinsen treffen zuerst das Land, Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.07.2017

Stadtentwicklung in Frankfurt ist rein renditeorientiert, FR 30.05.2017 (auf Hamburg übertragbar)

Der nicht mehr ganz normale Wahnsinn, SZ 31.05.2017 (München, auf Hamburg übertragbar)

Die CO 2-Konzentration steigt so schnell wie nie seit 58 Jahren, Salzburger Nachrichten 12.08.2017

41 Prozent der Tierarten bedroht, Dolomiten, 22.05.2017

Wieso müssen jetzt auch noch auf Schulhöfen Wohnungen gebaut werden?,Zeit-online,12. und 26.07.2014

Erst mal Tabula Rasa - Die freien Räume in der Stadt schwinden - Bei Bedarf wird auch per Abriss Platz geschaffen, TAZ Hamburg 02.08.2009

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte - Der Hamburger Grünfächenfraß in Bildern, aufgerufen am 11.6.2017

Klimawandel im Kessel, www.focus.de/regional/stuttgart, 13.06.2016

Mythos Dichte, www.berliner-mieterverein.de, aufgerufen am 15.06.2017 (Eine der wenigen gründlichen faktenreichen kritischen Auseinandersetzungen mit dem Tabu-Thema Verdichtung)

Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? / Deine Ideen für Hamburg 2030“(sic!), www.hamburg-2030.de/dialoge (Kritische Stellungnahmen von Bürgern: "Des Volkes Stimme")

Stadt, Land - alles im Fluss, und Auf breiten Straßen in den Stau, SZ 4.4. 2017 (Pendlerrekord in Deutschland)

Verschwenderisch mit Ressourcen (Sanierung statt Abriss), FR 17. / 18.06. 2017

Gar nicht erfreulich - 38 000 Tote durch Stickoxide, Leserbrief FR 19.06.2017

Mehr, größer, reicher, Leserbrief FR 23.06.2017

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 11.10.2017, Autor: Manfred Bonson