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Wachsende Stadt

Preisexplosion und Kapitalvermehrung

Als ich in den letzten Tagen durch Lokstedt ging - oder meistens radelte - sah ich beides: Häuser, die erfreulicherweise gerade saniert und restauriert wurden, und andere, die abgerissen wurden - wie das Häuschen des alteingesessenen Glasers Andreas in der Vogt-Wells-Straße. Teil 11 einer Serie von Manfred Bonson

Oder man sah nur noch die Lücken, wo gestern noch ein Haus stand. War es eine schöne Villa, wie in der Sottorfallee, die schon so viel von ihrem Charakter verloren hat, indem auf der einen Seite sich ein gesichtsloser Kasten an den anderen reiht, an Stelle der schönen Villen, die dort vorher standen? Aber wer weiß es noch? Von einem Tag zum anderen verschwinden ältere Häuser, oft erhaltenswertes Kulturgut - und am nächsten Tag weiß man schon nicht mehr, was dort eigentlich stand, vielleicht 50 Jahre lang, vielleicht hundert Jahre - oder länger, viel länger stand…

Natürlich habe ich das Haus meines Nachbarn, das vor einigen Monaten abgerissen wurde, noch gut vor Augen. Und das war erst Ende der 50er Jahre gebaut worden.!Aber wenn man nicht Nachbar ist, oder in der Straße wohnt, dann merkt man sich nicht jedes einzelne Haus. Zeugnisse der Vergangenheit verschwinden unwiederbringlich. Niemand kann mir einreden, dass nicht Zerstörung das Prinzip dieser Gesellschaft ist. Und sei es nur Zerstörung von menschlicher Lebensqualität. Natürlich, wenn man sich verdrahtet und vernetzt, beschallt und bombardiert mit ständigen, ständig wechselnden optischen Reizen, und mobil in seinen Blechkästen - sich wohlfühlt, ja dann ist alles in Ordnung. Oder doch nicht?

Ich komme auch an Häusern vorbei, die verfallen - besser: dem Verfall preisgegeben werden - und wo man schon genau weiß, dass sie auf den Abriss warten...

Pendeln zwischen den Welten

Trotz, oder besser: gerade wegen der „Nachverdichtungspolitik“ setzt sich die Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt ungebremst fort, werden Wohnungen und Mieten immer teurer, ebenso Handwerksleistungen. Die Großstädte, auch Hamburg, gelten für den Normalverdiener längst als unbewohnbar, die Menschen flüchten weiter aufs Land.

Bei den Lokstedter Baustellen sehe ich immer wieder Fahrzeuge mit Nummernschildern sogar relativ weit entfernter Orte in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Und der Handwerksbetrieb, der die meisten Arbeiten am Neubau neben meinem Haus in der Höxterstraße verrichtet, fährt jeden Morgen aus Dithmarschen an! Auf dem Lande sind die Preise oft noch zivil, und die Handwerkerleistungen sind erschwinglich, weil die Lebenshaltungskosten niedrig sind, besonders natürlich im Osten.

Umgekehrt könnte es sich keiner der Handwerker leisten, in Hamburg zu wohnen. Dieses Preisgefälle erzeugt automatisch erhebliche Pendlerströme - und straft das Argument Lügen, man wolle die Wohnungsdichte in der Stadt erhöhen, um Autoverkehr durch Pendeln zu vermeiden.

Die einkommensstarken Steuerzahler und Konsumenten hat man natürlich gerne in der Stadt wohnen.

An diesen Strukturprozessen ändert grundlegend auch keine weitere Verbesserung des öffentlichen Verkehrs etwas. Das ist eine Chimäre, die die Politik aufbaut, zur Ablenkung von einzig Wesentlichen, der Notwendigkeit zur Reduzierung des Autoverkehrs (1).

Der Osten, auch der entfernteste, gibt dem Baumarkt ein großes Reservoir an Arbeitskräften. Ohne sie wären die Gewinne nicht zu erwirtschaften. Auf dem Nachbargrundstück bei mir machen sich sogar fleißige syrische Kurden verdienst, zum Teil anscheinend in Peschmerga-Kampfanzügen: Flüchtlinge, die sich integrieren.

Allgemein hört man auf den Baustellen vorwiegend polnisch und eventuell andere slawische Idiome. Neuerdings sogar wieder Spanisch. Der Verdienst hilft der Familie in der Heimat und oft reicht es sogar zu einem eigenen Haus dort. Rentnern seien die ruhigen, schönen und preiswerten östlichen Gefilde empfohlen, wenn sie es in Hamburg nicht mehr aushalten können...

Luxusförderung - Sozialwohnungsabbau

Aber wir sehen jedenfalls schon an dem Thema Nachverdichtung, wie wenig sich die Politik für die Umwelt interessiert. Ich habe es in den vergangenen Artikeln ausführlicher dargestellt: Nachverdichtung erzeugt noch mehr Autoverkehr, beschleunigt die Klimakatastrophe und reduziert weiter die Lebensqualität in Hamburg, ohne den Bedarf an bezahlbaren Wohnungen zu befriedigen - aber sie dient dem Geschäft. Dies und nur dies interessiert die Politik in Hamburg.

Ginge es der Hamburger Politik wirklich um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, hätte sie nicht aktiv dafür gesorgt, dass der Bestand an Sozialwohnungen in den vergangenen Jahren immer mehr abgebaut wird (2). Und sie würde diesen reinen Luxuskurs jetzt korrigieren. Stattdessen wendet sich die Hamburger SPD mit ihrem Bürgermeister und seiner Wohnungssenatorin sogar gegen eine Initiative ihrer Länderkollegen, die Mietpreisbremse zu verschärfen, mit dem faulen Allzweck-Argument, man würde „Investoren verschrecken“ (3).

Wie kann eine Partei, die den Namen sozial im Schilde führt, aber de facto Kapitalinteressen dient, erwarten, dass man sie noch wählt?

Kapitalvermehrung

Vergessen wir einmal den ideologischen Überbau, den die Politiker zur Rechtfertigung der Nachverdichtung produzieren: Wesentlich für den Bauboom sind auch internationale Kapitalströme: Das Kapital sucht sich dort die Anlageplätzchen, wo es am lukrativsten ist. Und der Immobilienmarkt in Deutschland ist eine Goldgrube. Es sind oft zweifelhafte, undurchsichtige Kapitalquellen, Bauprojekte sind Geldwaschanlagen: Man kauft, und verkauft. Es ist oft eine Kette von wechselnden Eigentümern, jeder macht seinen Reibach. Am Ende stehen natürlich hohe Preise. Viele Gebäude werden niedergerissen, und man fragt sich, warum. Scheinheilige Begründungen kommen („Erhalt rentiert sich nicht“). Und die Politik steht da, mit verschränkten Armen, und findet das alles in Ordnung. Auch chinesisches Geld soll im Spiele sein...

Seit Jahren bemühen sich die Länderfinanzminister angeblich, Licht in das Dunkel der oft verschlungenen Eigentumsverhältnisse auf dem Immobiliensektor zu bringen und Gesetzeslücken zu schließen. Bislang ohne Erfolg. Die Eigentümer sind oft nicht zu ermitteln. (Ein ähnliches gewolltes Chaos herrscht auf dem Bausektor teilweise, worunter dann unterbezahlte Balkan-Arbeitnehmer nicht selten leiden). Der Staat gibt seine Hoheitsrechte auf, auch hier - Aber das ist so gewollt!

Anmerkungen:

1. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs wird als Allheilmittel gegen den Autoverkehr empfohlen. Dies ist aber eine sinnlose Geldausgabe solange der Autoverkehr nicht direkt - durch viele Maßnahmen - eingedämmt wird. Hierzu mehr in den nächsten Artikeln, die sich speziell der „Verkehrsexplosion“ in Hamburg widmen werden. Auch der Ausbau der Fahrradwege muss als Alibi herhalten, um weiteres Nichtstun zu verdecken. Deshalb der Titel des nächsten Artikels: „Die Lüge von der Fahrradstadt Hamburg und andere Märchen“.

2. Die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland ist beispielsweise von 1990 bis 2018 um mehr als die Hälfte reduziert worden und die Reduzierung wird fortgesetzt.
Quelle: https://de.statista.com>Thema>Wohnen
Infografik: Immer weniger Sozialwohnungen in Deutschland.
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Österreich. Hierzu:
Süddeutsche Zeitung, 12.11.2016 „Warum die Wiener so günstig wohnen können.“
Zeit online, 28.3.2017 „Wohnen in Wien...“

3. Das Hamburger Abendblatt gibt die Vorwände der Hamburger SPD unkritisch wieder - siehe Hamburger Abendblatt 1.6. 2018 „SPD und Grüne streiten über Verschärfung des Mietrechts.“
Hamburger Abendblatt 20.10. 2018 „Kursschwenk der SPD in letzter Minute“ (Von einem Kursschwenk kann in Wirklichkeit nicht die Rede sein).

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 03.12.2018, Autor: Manfred Bonson