Verdichtung

Wunderbare Ruhe

Eigentlich ganz angenehm, der Corona-Notstand, im Moment noch: Es ist soviel Ruhe, es ist soviel Zeit - und ich bekomme trotzdem Geld. Ich soll zwar nicht mehr im Rundfunk arbeiten, aber meine Sendungen werden wiederholt. Und meine Frau bekommt weiter ihr Gehalt als Lehrerin, auch wenn sie nicht mehr in die Schule darf. Von Manfred Bonson

Ich kann in unseren großen schönen Garten, die traumhaft klare, gesunde, abgasarme Luft und den Geruch, Duft des beginnenden Frühlings genießen, ich kann auch spazieren gehen, auf den Kollau- und Tarpenbekwanderwegen und der Autoverkehr auf der Osterfeldstraße und dem Nedderfeld ist deutlich weniger mörderisch bzw. lästig geworden. „Wohin sollen wir auch fahren?“ fragen sich viele, wenn sie sich nicht mehr in gewohnter Weise außer Haus amüsieren können.

Die andere Seite...

Nun ist diese Sicht zugegebenermaßen sehr einseitig. Viele Menschen, etwa im Gesundheits- und Versorgungsbereich, im UKE zum Beispiel, sind gerade jetzt über Gebühr belastet. Gerade auch hier ging das ständige Profitstreben schon lange auf Kosten der Menschen. Und wenn ich mich nun hier darüber freue, dass so früh schon die Vögel jubilieren und alles vorzeitig grün wird, so hat das auch zwei Seiten und ist das nur die eine Seite des Klimawandels...

Ich schaue aufs Nachbargrundstück und die Bewohner des neuerbauten Mehrfamiliegebäudes, das das Einfamilienhaus ersetzte, haben keinen Garten mehr. Die Büsche und Bäume sind verschwunden, die Beete zu Schotterflächen geworden. Und ich sehe eine versiegelte Betondecke, auf der Autos stehen - statt eines Rasens mit Spielgeräten für die Kinder, wie es die Bauordnung vorschreibt - offiziell vorschreibt! Die Kinder … Nun, wie wichtig wäre es gerade in diesen Zeiten, dass sie Auslauf haben, wenigstens im eigenen Garten und nicht in der Wohnung eingesperrt sind...

Viren und Verdichtung

Eben lese ich, dass viele Pariser vor dem Coronavirus - ganz wörtlich - das Weite suchen und aus ihrer überaus verdichteten Stadt aufs Land fliehen (1). Und ich lese auch von der dramatischen Lage in New York.

Wie irre erscheint gerade heute - eben auch unter dem Aspekt der Seuchenausbreitung - die Verdichtungsstrategie, die die Stadtpolitik besonders in Hamburg seit Jahren verfolgt und deren Auswirkungen auf Lokstedt ich oft genug beschrieben habe. Natürlich ist eine weitere Verdichtung in der Stadt, mit dem unweigerlichen Schrumpfen von Grün und von Freiraum zum Atemholen, ohnehin unter fast jedem Gesichtspunkt verheerend und verhängnisvoll. Ich habe es hier in vielen Artikeln analysiert. Aber gerade bei einer Epidemie wie dieser sagt es doch schon der gesunde Menschenverstand, dass eine Seuche in einer dicht bebauten und bewohnten Stadt geradezu ideale Verbreitungsbedingungen vorfindet. Das wusste man aber schon vorher - und macht trotzdem weiter. Ich denke, dass man nicht den Weg des Profits, der Profitvermehrung, aufhalten kann. Keine Vernunft! Es gibt biologische Viren, aber es gibt auch mentale Viren...

Weiter auf dem Weg der Unvernunft

Keine Partei ist in Hamburg bereit, dem Weg der Vernunft zu folgen, und der menschenfeindlichen Verdichtung Einhalt zu gebieten. So wird auch die Urbanisierung und der Verlust an Lebensqualität in Lokstedt nicht aufzuhalten sein - durch keine Epidemie, keine Krise, keinen Krieg (2).

Im Gegenteil: Hamburgs Stadtpolitiker träumen schon Hitlers Traum von einem „Manhattan an der Elbe“ (3). Und sie setzen als Antwort auf den Verkehrskollaps auf alte Rezepte, die die Katastrophe nicht verhindern, wie auf einen weiteren Ausbau des U-Bahnnetzes. Wie sinnfrei das gerade für Lokstedt ist, lege ich gerne in einem nächsten Artikel dar - Triumph der Tunnelbohrer.

Doch Schluss jetzt. Meine Tochter ruft mich zum Joggen. Entfliehen wir dem familiären Dichtestress, der uns auferlegt ist. Ich schaue nach draußen und sehe nur den strahlenden Sonnenschein. Die Gefahr hat ein unsichtbar-gespensterhaftes Wesen. Noch dürfen wir hinaus. Aber warm anziehen müssen wir uns, der Ostwind ist eisig…

Nachtrag

Wie schön, so wenig Autoverkehr auf dem Siemersplatz habe ich zuletzt in den 50er Jahren gesehen. Mit dem Fahrrad kann man immer noch viele Punkte erreichen, auch bequem in die Nachbarbezirke Eppendorf, Hoheluft und Niendorf radeln ohne durch zu viele Autos gefährdet oder belästigt zu werden. Man darf die Stadtluft auch wieder einatmen. Für mich das Paradies, wenn ich einmal absehe von der Gefährdung durch den Corona-Virus. Die ist aber, laut Expertenmeinung, beim Radfahren am geringsten, besser: gleich Null.

Sollten wir uns nicht vielleicht Gedanken machen, ob wir das Paradies länger erhalten können - auch über den Ausnahmezustand hinaus? - Nun, ich weiß, die Welt wird nicht von Gedanken regiert, schon gar nicht von diesen...


Anmerkungen

1.Den Trend in die Provinz gibt es dort schon länger, Wohnungen, selbst Zimmer sind für viele in Paris nicht mehr bezahlbar. Es profitieren Städte wie Lyon und Bordeaux.

2.Macron verglich diese Epidemie mit einem Krieg: „Nous sommes en guerre.“

3.„Hitlers Traum vom Elb-Manhattan“, Welt am Sonntag 24.08.2012
„Hitlers größenwahnsinnige Pläne für Hamburg“, Hamburger Abendblatt 19.02.2016

Über die heutigen Hochhauspläne an der Elbe wird nur verschämt berichtet, z.B. :

„290-Meter Hochhaus soll an der Elbe entstehen“, Hamburger Abendblatt 16.09.2015
„Hamburg erhält Hochhaus an der Elbe“, Welt 08.02.2018

Da man die Wege des Kapitals kennt, kann man sicher sein, dass den ersten Schritten weitere folgen werden, mit dem Ergebnis, dass Hamburgs besondere Stadtsilhouette zerstört wird.

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© Lokstedt-online 29.03.2020, Autor: Manfred Bonson